Sport oder Mord

Sport zwischen Wahn, Farce und gesunder Ertüchtigung

92

(Mit dem Begriff Sportler sind sowohl Männer als auch Frauen gemeint.)

Seit Jahrhunderten bewegen sich Menschen, um Körper und Geist fit zu halten. Doch was geschieht mit der Gesundheit, wenn das körperliche Messen überhandnimmt, Tausendstel-Sekunden über Sieger oder Verlierer entscheiden oder der Mann als neue Frau im Boxkampf dominiert?

Sport ist Mord – ist Sport Mord? Sind Sie schon neugierig? Regt sich bereits der innere Widerstand gegen diese Aussage? Ich nehme Sie mit auf eine Reise …

„Dunkle Nacht und nur die Sterne am Himmel; eine Stirnlampe flackert im Rhythmus des Laufschrittes auf und ab; klirrende Kälte. Warum mache ich das eigentlich? Ich wusste viele Kilometer lang nicht, ob ich sicher bin. Schier unüberwindbar wirkte der schneebedeckte Weg – steil bergauf. Die stille Dunkelheit des Waldes überkam mich als Sinnbild des Todes. Als ich nach knapp drei Stunden endlich einen weiteren Läufer traf, fühlte ich mich, als wäre ich erneut geboren worden!“ Stefan D. (Teilnehmer des Zugspitz Ultratrails 2010)

Grundsätzlich erfordert der Wunsch, sich mit anderen oder sich selbst zu messen, Tugenden wie Mut, Durchhaltevermögen und einen starken Willen, sich selbst über die eigenen Grenzen zu bringen. Ein Läufer, der an einem Ultratrail wie dem Zugspitzlauf teilnimmt, läuft bei Tag und Nacht; viele der 106 Kilometer und mehr als 5000 Höhenmeter allein; durch Schnee und Eis – und oft in einer Ungewissheit, den falschen Weg gewählt zu haben.

Der Mut wird vielerorts bewundert, wird aber rasch ambivalent, wenn wir uns für Anerkennung oder den Wunsch nach Applaus in lebensgefährliche oder ungesunde Bereiche begeben.

Der Mut wird vielerorts bewundert, wird aber rasch ambivalent, wenn wir uns für Anerkennung oder den Wunsch nach Applaus in lebensgefährliche oder ungesunde Bereiche begeben. Dies erkennen wir im Tod durch Überlastung oder sehen es an Menschen, die ihren Körper in eine schier makellose Form trainieren, um sich unbewusst selbst zu objektivieren. Auch durch Hooligans avanciert der Sport zur Farce, die den Sieg oder Verlust eines Teams als selbst gewählte Sportgötter in gewalttätigen Antworten zum Ausdruck bringen. Zu guter Letzt ist auch unsere Jugend betroffen, die durch exzessive Fitnesstrends ihre Körper bis zur Selbst-Entstellung bewegen und diese folglich als fälschlicherweise idealisierte Körperbilder viral verbreiten.

Wenn wir versuchen, über besondere Leistungen besser zu werden als andere, außergewöhnlicher zu sein oder einfach nur bewundert zu werden, verlieren wir unsere Identität zu rasch in diesen Äußerlichkeiten.

So zeigt die Einnahme von Stereoiden oder anderen leistungssteigernden Mitteln sogar im Breitensport, wie rasch dieser äußere Druck uns schleichend manipuliert. Eine 2017 durchgeführte Studie in Deutschland brachte spannende Zahlen zum Doping im Breitensport hervor: Von 3000 Triathleten und Marathonläufern sowie von 500 Fitnesssportlern gaben zwölf bis 13 Prozent an, Doping-Mittel zu verwenden, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Der Anteil an Schülern, die Substanzen zu Doping-Zwecken einnahmen, lag zum selben Zeitpunkt mit 15 Prozent noch höher. Die Dunkelziffer ist unbekannt.

Dieser innere, schleichende Mord an der eigenen Identität beginnt nicht nur an der Grenze zur körperlichen Totalüberlastung, sondern genau dort, wo sich der Sportler hauptsächlich für äußerliche Werte bewegt. Das Training orientiert sich sodann an der Notwendigkeit, Ruhm, Bewunderung oder Ehre zu erlangen oder über die Selbstbestätigung den Proben des Lebens davonzulaufen.

Die Reise geht weiter …, packen Sie Ihre Lupe aus, um den Unterschied zwischen Wahn und Wahrheit zu erkennen.

Was das Auge nicht mehr unterscheiden kann

Wie sieht es aus, wenn sich Skirennläufer innerhalb von Hundertstel- oder Tausendstel-Sekunden die ersten Ränge teilen? Kann hier tatsächlich von besser und schlechterer Leistung gesprochen werden? Aktuell zeigt die Ergebnisliste der Abfahrt von Bormio 17 Top-Abfahrtsskirennläufer innerhalb von zwei Sekunden. Beinahe unmenschliche Leistungen werden von großartigen Sportlern in den unterschiedlichsten Disziplinen erbracht, deren Ergebnisse mit freiem Auge kaum wahrnehmbar sind. Werden die mentalen und körperlichen Fähigkeiten bis zur Höchstgrenze ausgeschöpft, erscheint das Messen von Tausendstel-Sekunden, um Sieger zu krönen, wie eine Farce. Sport wird hier zu einem Medienspektakel und Zahlen werden wichtiger als Fähigkeiten. Die Formel 1 lassen wir hier außen vor, denn das würde die durch die Redaktion vorgegebene Wortanzahl sprengen. Hier dürfen Sie sich gerne Ihre eigenen Gedanken dazu machen.

Zurück zum Skirennlauf: Wie könnte es sonst aussehen? Ein Winter ohne Skirennen? Für mich stellt sich vielmehr die Frage: Wie sind wir dorthin gekommen und wo möchte jeder Einzelne durch seine sportlichen Beweggründe ankommen? Irgendwie erinnert mich der Extremsport heute an das alte Rittertum. Ja, richtig gelesen – das Rittertum … Ein bisschen möchte ich Sie ja auch überraschen. Kommen Sie mit, halten Sie durch, ein paar Zentimeter noch!

Auf dem Weg: Die Suche nach der Wahrheit

Betrachten wir das Rittertum zum Zwecke des Vergleiches in einem idealen Sinn. Dann wäre der Ritter (ob männlich oder weiblich) jemand, der weniger am äußeren Wettbewerb oder Kampf interessiert ist, vielmehr als Verteidiger höherer Werte wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden etwas bewegen möchte. Dabei dient die körperliche Ertüchtigung dem Herausbilden von Standfestigkeit und mentaler Siegeshaltung. Damit kann der Ritter in herausfordernden Lebensproben seinen Werten treu bleiben und für das Gute, Wahre, Schöne und Gerechte in sich und der Welt einstehen. Der ehrenhafte Ritter reflektiert und lernt, fernab von Applaus und ruhmhaften Ehrungen seiner Heldentaten, sich im Stillen zu betrachten, um innere Erkenntnisse zu gewinnen. Mit diesem Schatz kann er sich entwickeln und jeden Tag ein Stückchen besser werden, also über sich hinauswachsen.
So kommen wir dem Weg der Wahrheit zur gesunden Ertüchtigung schon viel näher.

Doch wie bleiben wir standhaft, um unseren Blick auf die Entwicklung wertvoller Tugenden zu wahren?

Der innere, schleichende „Mord“ an der eigenen Identität beginnt nicht nur an der Grenze zur körperlichen Totalüberlastung, sondern auch dort, wo sich der Sportler nur für äußere Werte bewegt
Adobe Stock: FILE: #853483002

Die Wahrheit liegt im Detail

Erhebt der Ritter sein Schwert aus der ent-scheidenden Position von der Ruhelage in der Scheide zur aktiven Handlung empor, befreit er sich damit von den fortwährenden, fast magnetischen Anziehungen seines schwächenden Verstandes. Dieses Bild zeigt die Richtung zu wahrer, sportlicher Tätigkeit. Der ritterliche Sportler sucht Verantwortlichkeiten und Proben, die im Dienst der eigenen Seele/Identität stehen. Mit dem Blick auf dem Weg zu sich selbst und einem inneren Wachstum findet er im (Extrem-) Sport Gelegenheiten, sich zu erproben. Über diesen erlangt er die Möglichkeit, die Grenzen des Körperlichen zu überwinden, die Trägheit des Geistes zu erkennen. An diesem Punkt kann er die Gelegenheit beim Schopf packen und aktiv werden, um sich selbst zu erziehen. So wird der olympische Gedanke „schneller, höher, weiter“ zu einer Aufwärtsspirale für die innere Erziehung. Der Mensch entwächst der Mittelmäßigkeit und richtet seinen Blick auf die Entwicklung überzeitlicher Tugenden, die vom reinen äußeren Schein gelöst sind. Rufen wir laut „Nein“ zu gesellschaftlichen Normen, die unsere Körper objektivieren und in Schubladen pressen!

Der Mensch entwächst der Mittelmäßigkeit und richtet seinen Blick auf die Entwicklung überzeitlicher Tugenden, die vom reinen äußeren Schein gelöst sind.

Wie kann diese Haltung durch eine aktive Entscheidung in unser Leben integriert werden? Lassen wir uns von den Worten des Philosophen Jorge Angel Livraga inspirieren:

Anwendung für das Leben – Praktische Philosophie

Erobere dich selbst:

  • Über die Beherrschung von Körper und Geist schaffst du es als wahrer Athlet, dir einen Weg auf eine bestimmte Art fest vorzunehmen und nicht nachzugeben.
  • Über kleine, sichere Schritte entwächst du den Kinderschuhen und lässt Eitelkeiten zurück. Du bleibst mit Zähheit und Energie dir selbst treu und hörst nicht auf, bis du das wünschenswerte Ziel erreicht hast.
  • Über das Ertüchtigen im Stillen, Erfolge nicht lauthals zu vereiteln, dafür objektiv den nächsten Schritt ins Auge zu fassen, schulst du die wahre Disziplin und Ausdauer. Je weniger Menschen die Erfolge bemerken, desto besser.
  • Über das Reinigen deiner Gedanken, die dir Ermüdung im sportlichen Handeln spiegeln, überwindest du deine innere Trägheit. Lass nicht zu, dass dein Verstand dich beherrscht und suggeriert, jeder Gedanke muss sich um dich selbst drehen.

Durch das tugendhafte, weise Überwinden der körperlichen Grenzen lässt sich dein Verstand wunderbar trainieren. Ohne Hunger nach Anerkennung bewegt es sich wesentlich leichter – so wird die Freude am Sieg anderer gleichermaßen freudvoll wie ein eigener Sieg. Ist dieser Weg mit ethischen Tugenden ausgestattet, dient der Sport deinem inneren Wachstum. Er macht dich stark und klar in wertvollen Ansichten. Dieses Verhalten lässt sich unisono auf das eigene Leben anwenden und du bestreitest Wettbewerbe stets gegen dich selbst. So wird der gesunde Sport zur dynamischen Lebenshaltung.

eim Sport finden wir Gelegenheit, uns zu erproben, die Grenzen des Körperlichen zu überwinden und die Trägheit des Geistes zu erkennen
Adobe Stock: FILE: #197317699

Der Zieleinlauf

Damit der Sport zur gesunden Ertüchtigung von Körper und Geist werden kann, folge deinen inneren, höheren Idealen und werde damit zum Vorbild für unsere Jugend.

So bleibe bestehen,
laufe nicht für den Applaus,
im Stillen zuhaus’,
von keinem gesehen,
die Persönlichkeit überwinden,
um höher zu geh’n,
die Verherrlichung vermeiden,
um für sich selbst klar zu entscheiden:
Welche Versprechungen mache ich mir,
um mich zu erheben im Inneren hier?

Text Barbara Dirnhofer

Literaturhinweis:

André-Comte Sponville: Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, rororo Taschenbuch, 2010

Hat dir dieser Artikel gefallen?

Bestelle diese Ausgabe oder abonniere ein Abo. Viel Inspiration und Freude beim Lesen.

Diese Artikel könnten Dich auch interessieren