Maler des verlorenen Paradieses
Maler des verlorenen Paradieses

Marc Chagall in der Albertina in Wien
„Unsere ganze innere Welt ist Realität – und das vielleicht mehr noch als unsere sichtbare Welt.“ Marc Chagall
Schon beim Betreten der Chagall-Ausstellung wird mir die Vielseitigkeit dieses Malers aus dem 20. Jahrhundert bewusst. Schnell erliege ich auch dem Zauber seiner Bildersprache, denn nichts ist so, wie wir es aus dem „normalen“ Leben kennen …
Menschen spazieren durch die Luft oder spielen Geige auf dem Dach. Engel und andere geflügelte Wesen schweben herab und fast immer tauchen Hahn, Kuh, Ziege, Stier oder Fische als Erinnerung an sein Heimatdorf in seinen Bildern auf. Je nach Bedeutung vergrößert oder verkleinert Chagall seine Figuren, setzt sie schwerelos ins Bild und malt sie jenseits der Gesetze von Perspektive …
Viele seiner Bilder vermitteln den Eindruck eines Daseins voller Glück und Lebensfreude, doch tatsächlich prägen Vertreibung und Verfolgung, die Russische Revolution und zwei Weltkriege das Leben dieses außergewöhnlichen Malers.
Marc Chagall kommt 1887 als ältestes von neun Kindern in Witebsk, im heutigen Belarus, zur Welt. Seine Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen innerhalb des für Juden gestatteten Siedlungsgebiets der Kleinstadt. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Chagall die schiefen Häuser, die Synagoge und die frei herumlaufenden Tiere des Dorfes. Bereits mit 13 Jahren tritt er in eine private Malschule ein und malt Bilder seines jüdischen Alltags. Hier findet Chagall seine großen Themen: Geburt, Liebe und Tod. Auch die Tiere seiner Heimat finden sich von nun an in fast allen seinen Werken wieder und werden zu Erinnerungen und Symbolen einer für ihn unbeschwerten Zeit voller Hoffnung.
Er setzt sein Studium in St. Petersburg fort, wo er zum ersten Mal mit der westlichen Avantgarde in Berührung kommt: Paul Gauguin, Henri Matisse und die Fauvisten. Dort macht er auch die Bekanntschaft mit Sammlern und Mäzenen und lernt seine große Liebe Bella Rosenfeld kennen, die später seine Frau werden wird. Immer wieder bis ins hohe Alter wird er Bella malen. Bella, seine große Liebe, seine Inspiration und sein Leben: sich und Bella als Hochzeitspaar, sich und Bella im Zirkus und sich und Bella in alttestamentarischen Geschichten …

1910 führt ihn ein Stipendium nach Paris, um sein Studium fortzusetzen. Er bezieht ein Atelier in der Künstlerkolonie La Ruche, verkehrt in avantgardistischen Künstlerkreisen und schon bald finden sich seine Bilder in den Pariser Salons.
Die erste große Einzelausstellung hat Chagall 1914 in der Berliner Galerie „Der Sturm“, mit der er seinen Status als Künstler in Europa behauptet. Von dort reist er zu einem geplanten Kurzbesuch zur Hochzeit seiner Schwester nach Witebsk. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und er kann nicht mehr in den Westen zurückkehren; es wird ein mehrjähriger Aufenthalt. Er heiratet Bella Rosenfeld, und es folgt eine glückliche Zeit der Liebe und Lebensfreude. Das Thema der Liebenden, von Liebes- und Hochzeitspaaren tritt in sein Schaffen, das ihn über die Jahre hinweg begleiten wird.

Nun füllt er seine Bilder auch mit leuchtenden Blumensträußen in Erinnerung an den ersten, den Bella ihm zu seinem 23. Geburtstag geschenkt hat. Dazu sagt er im Alter: „Vielleicht lebten wir zu arm. In meiner Nähe gab es keine Blumen. Bella war es, die mir die ersten Blumen gebracht hat. Man könnte lange über den Sinn von Blumen nachdenken. Für mich sind sie das Leben selbst in seinem glücklichen Zauber. Blumen vermögen alles – eine tragische Situation vergessen machen oder sie widerspiegeln.“

Nach der Oktoberrevolution 1917 gründet Chagall die öffentliche Kunstschule von Witebsk, die er auch leitet und an ihr mit namhaften Künstlern seiner Zeit unterrichtet. Doch es kommt zu großen Spannungen und Konflikten zwischen ihm und seinem Künstlerkollegen Kasimir Malewitsch, dem Verfechter der abstrakten Kunst. Chagalls emotionaler Zugang zur Kunst und sein gegenständlicher Stil werden als altmodisch gesehen. Enttäuscht überlässt er die von ihm geführte Schule Malewitsch und zieht mit seiner Familie nach Moskau. Doch auch dort unterliegt seine Kunst sehr bald der staatlichen Kontrolle und Zensur – Chagall kehrt 1922 nach Westeuropa zurück.
Während seiner Zeit in Russland setzt sich Chagall aktiv mit der jüdischen Geschichte und der Situation der jüdischen Bevölkerung in seiner Heimat auseinander. Er malt großformatige Figurenbilder von Juden und Rabbinern und schafft mit ihnen eine beeindruckende Metapher für das Leiden und die Heimatlosigkeit seines Volkes. Für diese Bilderserie nimmt er Bettler aus Witebsk als Modelle und erzielt mit dem Kontrast von Schwarz-Weiß eine starke Aussagekraft, die die Figur des Rabbiners auf eine spirituelle, fast mystische Ebene erhebt.

Im späteren Werk Chagalls wird das Bild der Kreuzigung einen zentralen Stellenwert und einen universellen symbolischen Charakter einnehmen. Die Leiden Jesu stehen dann stellvertretend für die Verfolgung und das Leiden des jüdischen Volkes, und in manchen Bildern zieht Chagall auch eine Parallele zwischen dem Gekreuzigten und sich selbst. Er löst das biblische Geschehen aus seinem konfessionellen Kontext, um eine universale Essenz darzustellen, die letztendlich das Leben selbst beschreibt.
Als Chagall 1922 nach Paris zurückkehrt, zählt er im Westen bereits zu den erfolgreichsten und bekanntesten Künstlern seiner Zeit. Doch seine Bilder der Vorkriegszeit sind mittlerweile verkauft oder verschollen, und der Erlös ist mit dem Krieg und der Inflation verloren gegangen. Er malt diese Bilder nochmals in Variationen und Wiederholungen der Motive aus dem Gedächtnis und schafft zahlreiche Neufassungen. Rückblickend beschreibt er diese Zeit in Frankreich als die „glücklichste Periode“ seines Lebens. Er genießt im Paris der 1920er- und 1930er-Jahre zum ersten Mal ein finanziell gut abgesichertes Leben voller gesellschaftlicher Anerkennung, umgeben von Künstlern, alten Freunden und früheren Lehrern.
In dieser neuen und unbeschwerten Atmosphäre treten Leichtigkeit und transparente Farben in Chagalls Bilder. Er verwendet nun Landschaftsmotive, Blumensträuße, die einfach in die Landschaft gesetzt werden, Liebes- und Hochzeitspaare sowie neue geflügelte Wesen. Die Einbeziehung aller Lebewesen und Lebensformen – der sichtbaren und der unsichtbaren – stellen für ihn die Einheit des Lebens dar, in dem alles miteinander in einer unerklärlichen Verbindung steht.
Nach der Machtergreifung Hitlers werden seine Bilder in Deutschland beschlagnahmt und als „entartete Kunst“ diffamiert. Die Besetzung von Paris durch deutsche Truppen erfordert eine weitere Flucht für Chagall und seine Familie in den unbesetzten Süden Frankreichs. Doch auch hier drohen immer stärkere Repressalien. Und schließlich kann und muss sich die Familie auf Einladung des Museums of Modern Art 1941 nach New York absetzen. Doch das Land und seine Sprache bleiben Chagall fremd, er sehnt sich nach Frankreich zurück.
Ein weiterer Schicksalsschlag ist der plötzliche Tod Bellas im Jahr 1944. In dieser Zeit steht ihm vor allem seine Tochter Ida zur Seite, die ihn menschlich und künstlerisch unterstützt. Nach Bellas Tod treten keine neuen Bildinhalte hinzu. Doch was früher als ein Entschweben in Glückseligkeit interpretiert wurde, kann jetzt als ein Entfliehen aus der gegenwärtigen Realität wahrgenommen werden.
Nach Kriegsende kehrt Chagall 1948 wieder nach Frankreich zurück und die Cote d’Azur wird für ihn eine zweite Heimat. Mit Matisse und Picasso, die sich dort ebenfalls niedergelassen haben, bildet er nun das große Dreigestirn der Moderne. Sein Schaffen setzt er ungebrochen fort. Große Aufträge wie die Ausstattung der Opernhäuser in Paris und New York und wichtiger Kirchen und Synagogen mit Glasfenstern bringen ihm weiterhin internationalen Erfolg.
Im Rückblick auf sein bisheriges Leben betrachtet Chagall seine persönlichen Erfahrungen in einem größeren Kontext: die Bibel, der Zirkus, das Theater und die Literatur haben den gleichen Stellenwert. Er reflektiert sie als Teil eines großen Ganzen, sie bilden für ihn die Essenz des Lebens. Zu seinem Bild „Don Quichotte, 1974“ (Abb.) erklärt er: „Ich wollte die Suche nach Wahrheit, die Eroberung des Lichts darstellen. Das Ziel meines Lebens.“
Mehr und mehr bringen seine Bilder Elementares zum Ausdruck; die Liebe als das höchste Gut gilt Chagall als Ausgangspunkt des Schöpferischen: „Wir sollten unser Leben mit unseren Farben der Liebe und der Hoffnung färben. In dieser Liebe liegt die soziale Logik des Lebens und das Wesentliche jeder Religion verborgen … In der Kunst wie im Leben ist alles möglich, wenn die Liebe die Basis ist.“
Chagall arbeitet ungebrochen bis ins hohe Alter von 98 Jahren. Er stirbt 1985 in seinem Haus in Saint-Paul de Vence.
Ich bin am Ende der Ausstellung angelangt. Die hundert Bilder in den neun Räumen umfassen das gesamte Leben und Werk Chagalls. Ich stehe vor dem letzten Bild und bin erfüllt von einer Mischung aus Hoffnung, Verzauberung, Freude und einer gewissen Ehrfurcht: Wie kann es nur gelingen, in solchen Zeiten der Dunkelheit so viel Licht in die Welt zu bringen? Doch darauf gibt Marc Chagall selbst die Antwort: „ … ich bin ein Maler des verlorenen Paradieses! Trotzdem sind Glaube und Hoffnung in mir, dass der Mensch fähig ist, nach der größten Katastrophe neu anzufangen und es besser zu machen.“
Mehr und mehr bringen seine Bilder Elementares zum Ausdruck; die Liebe als das höchste Gut gilt Chagall als Ausgangspunkt des Schöpferischen.

Text Brigitte Schmidt
Fotos: Brigitte Schmidt
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